Wann:
18. August 2018 um 16:00
2018-08-18T16:00:00+02:00
2018-08-18T16:15:00+02:00
Wo:
Schulanlage Prehl Murten
Wilerweg 53
3280 Murten
Schweiz

Thomas Fortmann (*1951): «Vaudeville für Leontine», Kammeroper nach einem Text von Prolitheus Pfenninger (Uraufführung)

Mitwirkende: Anna Drescher, Regie  •  Christian Beck, Bühnenbild/Kostüme  •  Christophe Gorgé, Licht  •  Stephanie Szanto  •  Hans-Jürg Rickenbacher  •  Wolf Latzel  •  Ensemble Paul Klee

VaudevilleFuerLeontine_Flyer

Zur Entstehung

von Thomas Fortmann
Libretto:
Prolitheus, ein Freund von mir, liest in der Eisenbahn ein liegengelassenes Buch. Es ist die schlechteste und unmöglichste Lektüre, die ihm je in die Finger kam. Doch es sollte das Buch werden, mit dem er sich am längsten beschäftigt. Die ersten Seiten werden von ihm anfänglich noch während der Fahrt aus Langeweile und Ekel mit Filzstift und Tipp-Ex malträtiert: er streicht ganze Textblöcke durch und lässt nur einzelne Wörter oder Satzteile stehen. Im Laufe der nächsten 20 Monaten verfeinert er seine Décollage Technik. Anstelle des Ekels setzt er als geistigen Überbau die Poesie. Das heisst, jede Seite wird einzeln zu einem eigenständigen Studienobjekt. Der ursprüngliche Originaltext bietet verschiedene, aber doch beschränkte Möglichkeiten durch die vorgegebene Wortwahl. So arbeitet er an einer Seite manchmal tagelang, bis sie ein völlig neues Gesicht hat. Am Ende ist die ursprünglich erzählte Geschichte weggestrichen und die von ihm behandelten Seiten sehen aus wie Bastarde zwischen konstruktiver Malerei und totaler Willkür. So habe ich das Buch zum ersten Mal gesehen.
Das Libretto ist eine von mir zusammengestellte Collage aus dem verbalen Restposten, den Prolitheus auf den Buchseiten übrig liess. Ich habe diesen Restposten in 10 Themenordnern gesammelt und danach alles neu zusammengesetzt. Das Libretto ist also eine Collage aus einer Décollage. Trotz dieser seltsamen Verfahrensweise entstand eine konkrete Handlung mit klaren Charakteren in einem Irrlicht von Welttheater. Eigene Ergänzungen beschränkte ich auf die Liedtexte. So wurde der Text komponiert.
Musik:
Mein musikalisches Konzept für das Stück könnte man umschreiben mit „Einheit in der Vielfalt“. Tatsächlich kommen ganz verschiedene Strömungen der gegenwärtigen Musikstile zusammen. Konstruktion und Vitalität, Logik und sinnliche Wirkung sollen sich verbinden um auch gegensätzliche musikalische Visionen zu einer Einheit zu bringen. Indem ich versuche den einzelnen Titeln jeweils die, ihrem Gehalt entsprechend geeignete Form und Stil zu geben, verlasse ich mich auf meine eigene und freie kompositorische Entscheidung. So liegt die Musik denn zwischen allen Fronten, resp. spielt und kokettiert mit ihnen, indem sich Kompositionstechniken der neueren E-Musik mit rhythmischem Empfinden des Jazz und dem Lebensgefühl des Rockzeitalters vermischen. Dabei resultiert keinesfalls eine Art Crossover, sondern stets ein originaler Ausdruck von zeitgenössischem Musikbewusstsein: ein Sturm und Drang-Stück mit der entsprechenden Absicht eineaufklärerische Periode des Musikschaffens zu überwinden.
Als eine Vorstudie habe ich eine 6-sätzige Suite für Klaviertrio geschrieben – Prolitheus Suite – welche an der University of Texas uraufgeführt wurde mit Wiederholungen in der Moores Opera, Houston, sowie an zwei italienischen Festivals und der Carnegie Hall in New York.
Und noch etwas: trotz meinem Hang zur „Zwölftönigkeit“, und obwohl mein musikalischer Ausdruck von heute verschieden ist, fühle ich mich verbunden mit dem spezifisch deutschen Musiktheater, welches es u.a. durch Eisler und Weill verstanden hat, dass Kunst und Gassenhauer sich nicht gegenseitig ausschliessen müssen.